Aktuelles

In vino veritas. Die Wahrheit ist: Es wird eine Party. (9.6.)

Das Wetter war traumhaft, genauso wie die Musik des Braunschweiger Sängers Martin Kroner und die Speisen der umliegenden Gastronomie bei der Party zum Ausklang der Woche der Wahrheit. Eine Wahrheit sicher für zahlreiche der Akteure und Gäste, die es sich am Samstagabend bei anregenden Gesprächen über neue Erkenntnisse und offene Fragen auf den Stufen der St. Aegidienkirche gut gehen ließen. (sam)

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Was ist Wahrheit? Gottesdienst. (9.6.)

Zum Abschluss der Woche der Wahrheit feierte Propst Reinhard Heine am Samstagabend in der St. Aegidienkirche einen Gottesdienst zur Wahrheit - besonders für die Wahrheitssuchenden.

Er lässt die Woche Revue passieren und schließt: „Die Wahrheit hat viele Gesichter und kennt viele Orte.“ Es sei nicht leicht mit der Wahrheit, denn Fragezeichen gehörten zum Leben und Wahrheitssuche sei ein lebenslanger Prozess.

Für Propst Heine ist die Wahrheit im Evangelium von existentieller Bedeutung. Aufzwingen möchte er diese Wahrheit niemanden, aber plausibel machen. „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, glaubt an mich. Ich bin die Wahrheit, der Weg und das Leben“, zitiert er aus dem Johannesevangelium. (sam)

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Wahrheit hinter Gittern – Wahrheit im Gerichtssaal. Podiumsdiskussion. (7.6.)

Was ist Wahrheit fragte schon im Gerichtsprozess Pilatus Jesus und blieb ohne Antwort auf seiner Frage sitzen. Wie steht es mit dem Wahrheitsgehalt von Zeugenaussagen und Angeklagten? Wie wichtig ist dem Strafverteidiger die Wahrheit seines Mandanten, wenn es doch um die bestmögliche Verteidigung seines Angeklagten geht? Geht es einer überlasteten Justiz noch um die Wahrheitsfindung oder eher um die Beschleunigung der Verfahren durch Vorababsprachen, so genannten Deals? Führt die Strafandrohung nicht eher zur Leugnung schuldhafter Wahrheit? Hat Strafe etwas mit Gerechtigkeit zu tun?

Zahlreiche Menschen haben sich am Donnerstagabend – trotz großer Hitze – auf den Weg ins Amtsgericht Braunschweig gemacht, um sich dieser komplizierten Thematik zu stellen, in die Justizvollzugsseelsorger Franz-Josef Christoph einführte.  Sie verfolgten gespannt eine lebhafte und recht kontroverse Diskussion auf dem Podium.

Es diskutierten Ingo Groß, Amtsgerichtspräsident Braunschweig, der Braunschweiger Rechtsanwalt Michael Hoppe, Dr. Christian Riedemann, Psychiatrischer Gutachter und Chefarzt des Maßregelvollzug in Bad Rehburg und die Rechtsphilosophien Dr. Franziska Dübgen aus Kassel. Für die Moderation war Henning Noske, Leiter der Lokalredaktion der Braunschweiger Zeitung zuständig. (sam)

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Wahrheit - ein/e Kunst-Wort? (6.6.)

Performance der Schreibwerkstatt "Löwenmaul" in der St. Aegidienkirche.

Was ist Dichtung, was Wahrheit? Jugendliche und junge Erwachsene der Schreibwerkstatt „Löwenmaul“ an der HBK Braunschweig haben am Mittwochabend in der St. Aegidienkirche ihre selbstverfassten Texte zum Thema „Wahrheit“ szenisch und künstlerisch dargestellt: Was ist Wahrheit überhaupt? Und wie viel Wahrheit kann ein Mensch vertragen? Was ist schon wahr? Oder gefällt uns in den Medien, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Studienalltag und auch in Beziehungen der Satz: „Das will ich gar nicht wahrhaben“ manchmal nicht viel besser? Im wahrsten Sinne des Wortes eine Reise in „wahre“ Gedankenwelten, auf die das Publikum an diesem Abend eindrucksvoll und ausdrucksstark mitgenommen wurde: Außerordentlich gut vorgetragen und clever im Altarraum inszeniert. Mit sehr persönlichen Wahrheiten, Erinnerungen, Begegnungen und (politischen) Beobachtungen – eingebunden in lustige, hintersinnige, ernste und selbstironische Texte von hoher Qualität, die auch kirchliche Themen augenzwinkernd aufs Korn nahmen. (akw/ha)

Wahrheit - ein/e Kunst-Wort? Ein Text von Juri Jaworsky

(Wir freuen uns, dass wir einen der tollen Texte dieses Abends hier veröffentlichen dürfen. Danke Juri!)

WOCHE DER WAHRHEIT

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde;

Die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gotts Geist schwebte über dem Wasser.

- Wer ist Gott?

Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich.

- Wer ist uns?

Gott sprach: Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Es war sehr gut.

Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag.

Abend und morgen,

Abend und morgen,

Abend und morgen,

736 570er Tag.

Gott runzelt die Stirn. Ihn juckts.

Im Anfang schuf etwas den Urknall.

Und formender Knall schafft dehnend Universum kollidieren Planeten schaffen biosphärisch die Erde. Wasser entsteht. Und entstehendes Wasser birgt Leben. Leben atmet und atmendes Leben bringt Land. Evolution.

Wer schuf wann den Menschen?

Ist Evolution denn ungleich Gott?

Im Anfang schuf Gott. Finsternis und es wurde Licht. Ein Urknall. Und es wurde Licht.

Gott sprach:

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Und klatscht in die Hände. Ein Mensch entsteht. Hoppala.

Und was ist denn eigentlich Wahrheit.

Juri Jaworsky

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Die Wahrheit liegt auf dem Platz. (5.6.)

Ein sportliches Podiumsgespräch in der Stadionbar "Wahre Liebe" mit dem Braunschweiger Urgestein Dietmar Erler, der Fifa-Schiedsrichterin Dr. Riem Hussein sowie Dr. Otmar Dyck, Dozent für Sportmanagement und -soziologie.

Ein gut gelauntes Podium traf am Dienstagabend auf ein ähnliches gestimmtes Publikum: Kein Wunder, denn allein die besondere Location im Schatten des Stadions machte rundum Spaß. Zunächst galt "Ladies first" - doch ist das mit einer Körperlänge von 1,63 m gegenüber Spielern wie Valsvik, Petkovic und Tingager, die im Durchschnitt über 1,90 groß sind, problemlos durchsetzbar? Für die Schiedsrichterin der Jahre 2012/13 und 2015/16 keine Frage der Größe, sondern des Auftretens: Wie souverän bin ich? Wie berechenbar und kommunikativ? Als bisher zweite Frau, die im Profi-Männer-Fußball pfeift, lautet ihre Wahrheit: "Ich werde nicht bevorzugt, weil ich eine Frau bin – die Spieler laufen ja wegen mir nicht langsamer – natürlich muss ich körperlich und mental die gleichen Leistungen erbringen".

Fanwahrheiten und Glaubenssätze 

Dann sind alle gefragt: Was ist die Wahrheit über die Fans? Können sie, wie die ZEIT 2017 nach dem verlorenen Relegationsspiel gegen Wolfburg titelte, ein Spiel verlieren? Als das Podium angesichts des Verhaltens mancher Fangruppen Bedenken äußerte, meldeten sich Fans aus dem Publikum zu Wort: Der "berühmte" Böllerwurf etwa ginge nicht auf das Konto der Braunschweiger. Die Schuldigen seien von ihnen identifiziert und angezeigt worden. Eine Sache der Wahrheit oder des Glaubens? Geht es auf dem Platz vielleicht auch zu wie bei der Ausübung einer Religion? Mit Opfern, Helden und Fußballern, die bei großen Spielen unsterblich werden können: Mirko Boland - Fußballgott, und Schiris als Hohenpriester der Regeln? Dr. Otmar Dyck von der Ostfalia Hochschule vom Institut für Sportmanagment und Sportsoziologe sieht darin sehr wohl religiöse Züge. Auch Dietmar Erler, Eintrachtspieler von 1970-80, findet Anklänge: Gemeinschaftsgefühl und Sinnstiftung. Er ist aber auch der Ansicht, dass diese Zuschreibungen für die Spieler manchmal zu viel werden, der Druck sei zu hoch.

Natürlich ging es an diesem Abend auch um den Abstieg von Eintracht BS. Woran lag's? Haben die Fans Torsten Lieberknecht vielleicht zu sehr vergöttert? Hat die Vereinsführung sich hiervon zu lange unter Druck setzen lassen? Die Presse zu lange und zu unkritisch berichtet? Der Abstieg spricht Wahrheiten über den Verein, aber auch über die Spieler aus: "Plötzlich funktionieren auf dem Platz Dinge nicht, die sonst immer klappen," so Erler.

Ist Fußball ehrlich?

Und dann die Frage aller Fragen: Ist Fußball ein ehrlicher Sport? Erler berichtete in diesem Zusammenhang von den Verstrickungen der Eintracht in den Bundesliga-Bestechungsskandal 1970/71. Ein Prozess, der Spieler und Verein extrem belastet und seiner Meinung nach sicher zum Abstieg 1973 beigetragen habe. Auch die Fragen nach Doping sowie nach eventuell weiterhin möglichen Bestechungen von SchiedsrichterInnen - wie die von Robert Hoyzer - standen im Raum. Generelle Meinung: Bestechung sei inzwischen schwieriger als früher, da ungewöhnliche Ergebnisse und auffällige Sportwetten vom DFB intensiv untersucht würden.

Die engagiert-emotionale Veranstaltung schloss mit der alles umfassenden persönlichen Wahrheit aller Podiumsteilnehmer: Der Fußball ist und bleibt eine wichtige Größe in ihrem Leben. Eine runde Sache, der Erler schließlich noch sein eigenes Sahnehäubchen aufsetzte: "Trotz aller Verletzungen und Verschleiß in beiden Knien ist der Fußball bis heute das Glück meines Lebens." Wahre Liebe eben. 

(ha/akw)

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Die Wahrheit am Krankenbett. Erfahrungsberichte, Impulse, Austausch. (4.6.)

Um ungeliebte und schwere Wahrheiten ging es am Montagabend im Herzog Elisabeth Hospital (HEH): „Die Wahrheit am Krankenbett“. Wie wird mit Diagnosen umgegangen? Gibt es ein Recht auf Aufklärung über den eigenen Gesundheitszustand oder den von Angehörigen? Wie sieht es mit einem Recht auf Nichtwissen aus? Wie gehen Ärzte und Pflegekräfte mit dem nahenden Tod von Patienten um? Diese und weitere Fragen wurden sensibel und mit großer Offenheit aus mehreren Perspektiven beleuchtet und den zahlreichen konzentrierten Zuhörern erläutert.

Dr. Johannes Linder, Chefarzt der Medizinischen Klinik im HEH, lieferte einen Erfahrungsbericht aus Ärztesicht; Claudia Philipp, die sich vor einigen Jahren der Wahrheit einer Krebsdiagnose stellen musste, sprach eindringlich von ihren Erfahrungen als Patientin. Die Sicht der Pflege legte Solveig Raymund-Fuhrmann dar. Sie ist Krankenschwester mit Weiterbildung zur onkologischen Fachkraft und arbeitet im Klinikum Braunschweig. Die Klinikseelsorger Martina Nowak-Rohlfing und Pater Johannes Witte führten durch das Gespräch.

Perspektiven der Wahrheit

Claudia Philipp, von Beruf Apothekerin, war genau 40 Jahre alt, als sie ihre Mammografie-Ergebnisse bekam. „Die Radiologin hat mich persönlich angerufen und mir die Diagnose Brustkrebs mitgeteilt“, erzählt die inzwischen 49-Jährige mit großer Offenheit. „Dass sie Klartext geredet hat, war für mich sehr gut“, sagt sie bestimmt. „Je mehr Zahlen ich kriege, desto glücklicher bin ich“, betont sie. Der Brustkrebs der eigenen Mutter wurde ihr und ihren Geschwistern immer verschwiegen, darunter hatte sie sehr gelitten. Die ehemalige Patientin ließ sich im HEH operieren und auch der operierende Arzt hat sich Zeit genommen und ihr nüchtern den Stand mitgeteilt. „Diese nackten Tatsachen, die brauchte ich“, betont sie.

Dr. Johannes Linder weiß aus Erfahrung, dass er nicht jedem Patienten die harte Wahrheit um die Ohren hauen kann, es müsse Abstufungen geben. Vor Beginn seiner Arbeit als Arzt hatte er den festen Vorsatz: „Ich sage meinen Patienten die Wahrheit.“ Schnell hat er gelernt, dass seine Wahrheit nicht unbedingt die Wahrheit des Patienten ist. So war seine Wahrheit bei einem jungen Tumorpatienten, dass dieser sich am Ende seines Lebens befindet. Die Wahrheit des Patienten hingegen war: „Der Tumor kann mich nicht töten, das schafft er nicht.“ Er hat auch gelernt, dass es Konsequenzen für sein Verhältnis zum Patienten hat, wenn er ihnen die Wahrheit über ihren Gesundheitszustand mitteilt. „Ich kann nicht die Wahrheit sagen und gehen. Ich muss ein Angebot machen, dass ich da bin auch nach dem Mitteilen der Wahrheit.“ Wichtig ist für ihn, die Lebensumstände der Menschen zu kennen. „Es gibt unterschiedliche Situationen, in denen ich Patienten Unterschiedliches an Wahrheit zutrauen muss“, erläutert Linder. Dabei spielen für ihn auch die Konsequenzen der Wahrheit eine Rolle, die zum Beispiel einen Kranken zu einer sinnvollen Operation bewegen können. „Ich glaube, dass Patienten ein Anrecht auf Aufklärung und Wissen haben aber auch ein profundes Anrecht auf Nichtwissen.“

„Jeder hat seine eigene Wahrheit“, das hat Krankenschwester Solveig Raymund-Fuhrmann in ihrem langjährigen Berufsleben gelernt. Viel Fingerspitzengefühl für Patienten und Angehörige hält sie für dringend notwendig, wenn Patienten erfahren, dass sie schwer oder lebensbedrohlich erkrankt sind. Schwierig ist es für sie, wenn sie mehr weiß als der Patient und dieser Fragen stellt. „Wir dürfen keine Auskunft geben“, ist dann ihre Antwort. Das fällt ihr schwer. Bevor sie einen Patienten belügt, zieht sie Schweigen vor. „Mir kann man sehr viel Wahrheit oder Flunkerei im Gesicht ansehen“, glaubt sie. Aus ihrer Erfahrung wollen die Menschen gut und genau informiert werden. Besonders wichtig ist den meisten die Prognose, wieviel Zeit bleibt und ob die geplante Weltreise oder die Feier des 25. Hochzeitstages noch möglich ist. „Oft haben wir auch Kranke, die ihre eigene Beerdigung vorbereiten“, erzählt sie. Dem Patienten zu signalisieren, offen für Gespräche zu sein, sieht die Pflegerin unbedingt als ihre Aufgabe an. Wenn Solveig Raymund-Fuhrmann an ihre Grenzen stößt, holt sie sich Hilfe bei der Krankenhausseelsorge.  

Im Anschluss nutzten zahlreiche Zuhörer die Gelegenheit, Fragen zu stellen oder sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Hauptsächlich ging es darum, dass die Wahrheit den Menschen am Krankenbett zumutbar ist, wenn sie einfühlsam vermittelt wird. Außerdem um den Wunsch nach mehr Zeit im Klinikalltag, dass Kommunikationstraining in der heutigen Medizinerausbildung im Gegensatz zu früher eine wichtige Rolle spielt und wie sehr Einzelschicksale auch Ärzte und Pfleger beschäftigen. (sam)

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

!!! FÄLLT AUS: Wahrheit in der Kita – Kinder haben das Wort. (4.6.) !!!

Leider wahr: aufgrund einer kurzfristigen Absage der Referentin fällt  "Wahrheit in der Kita – Kinder haben das Wort" in der Kindertagesstätte St. Bernward heute Abend aus.  Unsere zeitgleich stattfindende Veranstaltung "Die Wahrheit am Krankenbett" im Herzogin-Elisabeth-Hospital findet aber wie geplant statt – vielleicht eine interessante Alternative?

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Die Wahrheit...und die ganze Wahrheit. (2.6.)

Ein ernstes Thema am Samstagabend im Dominikanerkloster: „Die katholische Kirche im Umgang mit Missbrauchsfällen“. Was ist seitdem passiert? Wie sieht’s mit dem Erkenntnisgewinn innerhalb der Kirche aus? Fragen, für die sich ein breites Publikum interessierte.

Das moderierte Gespräch zwischen Dr. Wolfgang Beck, Juniorprofessor an der Hochschule St. Georgen in Frankfurt, sowie Sprecher des Worts zum Sonntag und Dr. Peter Mosser, IPP München, Mitverfasser des Gutachtens „Untersuchung von Fällen sexualisierter Gewalt im Verantwortungsbereich des Bistums Hildesheim – Fallverläufe, Verantwortlichkeiten, Empfehlungen“ bot zunächst einen Blick hinter die Fassaden von Opfern und Tätern: Mosser erklärte, dass es neben einer klaren „Ausbeutung der Kinder mit Praktiken der Erwachsenensexualität“ einen Graubereich gebe, der vielleicht noch nicht „sexualisierte Gewalt“ genannt wird, aber in Kinderseelen oft genau so großen Schaden anrichten könne. „Das Moment der Beschämung wird unterschätzt“ – auch unter verbalen Übergriffen würden Kinder massiv leiden, so der Psychologe. Kinder fühlen sich dadurch schuldig; und ein Kind, das sich schämt, stellt schnell seine ganze Person infrage. Darüber hinaus seien Kinder nicht in Lage, die Auswirkungen einer Aufdeckung abzuschätzen und würden daher lieber schweigen. Mit der Folge, dass diese Geheimhaltung viel emotionale Energie koste, die bei anderen wichtigen persönlichen Lebensthemen fehlt. Selbstschädigendes Verhalten sei dann ein mögliches Ventil. Vieles, so Mosser, müsse in diesem Kontext aber auch individuell betrachtet werden. Dennoch steht für ihn am Schluss die Erkenntnis: „Sexualisierte Gewalt kann verarbeitet werden. Sie muss nicht ganze Leben zerstören.“

Diverse Erkenntnisse und 9 Thesen zur Wahrheit

Anlässlich der „Woche der Wahrheit“ hat Mosser 9 Thesen zu „Wahrheiten“ der innerkirchlichen Missbrauchsfälle entwickelt, die rechts im Bild festgehalten sind.

Aus kirchlicher Sicht ging Wolfgang Beck auf die vorläufigen Erkenntnisse aus Missbrauchsfällen und Gutachten ein. Positiv bewertete er, dass es „im Bistum nun ein Bewusstsein dafür gibt, wie bitter nötig externe Beratung ist“. Vor allem die Präventionsschulungen für Mitarbeiter und Ehrenamtliche seien seiner Meinung nach gut entwickelt und schnell umgesetzt worden. Auch das kirchliche Strafrecht wurde verschärft. Weitaus schlechter fällt seine Bewertung aus, als es um die Institution selbst und das Stichwort „Transparenz“ geht: „Ich werde nicht müde, den Reformdruck auf die katholische Kirche am Leben zu halten.“ Derzeit sieht er die Tendenz, den Tätern die alleinige Verantwortung in die Schuhe zu schieben, um sich als Institution zu distanzieren. Erschwerend wirke sich dabei auch aus, dass es sich bei kirchlichen Institutionen oft um intransparente Männerbünde mit vielen Abhängigkeiten und Gefälligkeiten handelt: „Wer seine Zukunft innerhalb der katholischen Kirche sieht wird sich hüten, diese Steine anzustoßen – weil er die Folgen für seine Biographie nicht abschätzen kann.“ Hinzu käme, dass generell beim Thema Sexualität eine eklatante Differenz zwischen Kirche und Gesellschaft herrsche, die seiner Meinung nach eher zu einer Sprachlosigkeit als zu einem dringend benötigten Austausch führt.

„Interessen der Betroffenen schützen“

Nach Vortrag und Gespräch innerhalb der Podiumsrunde kam das Publikum zum Zug. Neben diversen Fragen zum Thema meldete sich auch die Schwester eines Betroffenen zu Wort, die durch ihren persönlichen Erfahrungsbericht noch einmal die ganze Tragweite eines Missbrauchs vor Augen führte. Nicht nur wegen der fortgeschrittenen Uhrzeit mussten letztlich manche Fragen unbeantwortet bleiben. Etwa: „Wie können wir dahin kommen, die Interessen der Betroffenen zu schützen?“ Dann zum Stichwort „Überforderung des Klerus“: „Wo können sich Geistliche Unterstützung holen?“ – Denn von ihnen erwarte niemand, dass sie Experten zum Thema „sexualisierte Gewalt“ seien; dennoch haben sie in der Vergangenheit diese Kompetenz für sich beansprucht. Und dann die abschließende Frage: „Warum gab es bisher nur eine Pressekonferenz zum Gutachten, darüber hinaus aber keine weitere öffentliche Veranstaltung hierzu?“ 

Die Suche nach der Wahrheit ist an diesem Abend kein leichtes Unterfangen gewesen. Dennoch  dürften sich viele Teilnehmer ein Stück weit "abgeholt" gefühlt haben – durch die offene Atmosphäre einer schwierigen Veranstaltung, in der es seitens der Referenten als auch Zuhörer statt um Schuldzuweisungen vor allem um eines ging: ehrliche Aufklärung.    (akw)

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Wa(h)re Worte – Die Wahrheit auf dem Wochenmarkt. (2.6.)

Die Woche der Wahrheit ist gestartet und nimmt Fahrt auf. Gut gelaunt-freies Philosophieren zwischen Blumen, Obst & Co. mit Kind und Kegel, Mann und Maus am Samstag auf dem Altstadtmarkt. Doch zunächst viele Fragezeichen: „Worum geht‘s?“ „Glühbirnen? Muss‘n Stromanbieter sein!“ „Kirche? Echt? Cool.“ „Das ist ja toll, dass Sie sich ausgerechnet mit diesem Thema in der Öffentlichkeit auseinandersetzen.“ Als weiteren Diskussionsstoff gab‘s „wahre Lose“: Jedes (Bibel-)Wort - ein wahrer Gewinn. Und wer durch den Marktbummel zuvor zu viel lose Ware mit sich führte, freute sich über WA(H)RE INHALTE“ - den leuchtend gelben Mottobeutel-Hingucker. Neugierig? Das kreative Marktteam startet am Donnerstag auf dem Wochenmarkt der Herzogin-Elisabeth-Straße wieder durch.   (akw)

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Die lange Nacht der Lüge. (1.6.)

Zum Auftakt der „Woche der Wahrheit“ verwandelte sich die KaufBar in eine LügenBar: In einem scheinbaren Kongress-Format wurden Lügengespinste mit fundierten Fachkommentaren verwoben – Lüge oder Wahrheit? Auf den ersten Blick nicht zu erkennen...

Die Nacht begann mit der Verteilung der „Kongressmappen" und der erstunken und erlogenen Namensschilder – ist meine Sitznachbarin wirklich „Kimberly vom NDR?“ – die für heiteres Rätselraten sorgten. Ernsthafter ging es dann bei den ersten Vorträgen zu: Sascha Hahne von der Agentur ASDRKLS zeigte, wie einfach Bilder manipuliert werden können. Der Werbefachmann beobachtete, dass in vielen modernen Handykameras automatisch ein Filter arbeitet, der nicht nur die Belichtung verbessert, sondern auch Falten und Körperformen. Können Menschen nicht mehr mit einem wahren Bild von sich leben?

Als Keynotespeaker schlug Matthias Hots, Klimaschutzmanager der Stadt Braunschweig, den rhetorischen Bogen gekonnt von den kleinen und großen Lügen im Zusammenhang mit Klimawandel, Klimaschutz und ökologischem Fußabdruck („mit dem Fahrrad zum Bäcker, aber mit dem Flugzeug nach Korsika“) zu einer Utopie, die das Publikum sehr nachdenklich stimmte: Selbst wenn alle Forschungsergebnisse falsch wären (was sie nicht sind), wenn es keinen menschengemachten Klimawandel gäbe und es keine Sorgen und kein schlechtes Gewissen mehr bräuchte, wüssten wir im Grunde doch, wie das wahre, das gute Leben für uns aussähe – die Menschen säßen nicht mehr in ihren Häusern, sondern davor (dort wäre Platz ohne parkende Autos) und die spielenden Kinder würden ihre Straßen, Wohngebiete und die gesamte Stadt in Besitz nehmen.

Das Blaue vom Himmel gelogen –  im Spiel, Sport und in Powerpoint

Anschließend weckte das bekannte Gesellschaftsspiel „Nobody is perfect“ bei allen schlummernde Potenziale. Halbwissen, Vermutungen und Behauptungen waren gefragt, um absonderliche Begriffe aus dem Fremdwörterlexikon zu erklären – heiter-kreativ und in der Regel: falsch.

Sehr berührend waren dann die Erfahrungen und Erkenntnisse von Dietmar Erler, Urgestein von Eintracht Braunschweig, Spieler von 1970 – 80 und in dieser Zeit verwickelt in den Bundesligaskandal. Seiner Meinung nach sind die Geschehnisse in der Saison 70/71, in der Spieler bei anderen Vereinen bestochen und Spiele gekauft wurden, nicht spurlos an Spielern und Verein vorbeigegangen und hätten maßgeblich zum Abstieg im Jahr 1973 beigetragen.

Den Abschluss machte der Schauspieler Ravi Marcel Büttke, der zu einer vorgefertigten Powerpoint-Präsentation spontan das Blaue vom Himmel log, gewagte Thesen aufbaute, sie relativieren musste und am Ende doch einen schlüssigen Vortrag hielt – zur großen Freude des Publikums. Umrahmt wurde das alles mit der jazzigen Musik von Zlatko Baban. Und natürlich der KaufBar, die ein wunderbarer und sehr kooperativer Veranstaltungsort war. Zu Ende ging alles mit einer Lüge: die lange Nacht dauerte nur bis 22.00 Uhr. Die restliche Nacht hindurch durfte also jeder wieder für sich allein lügen.   (ha/akw)

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

HINWEIS: "DIE WAHRHEIT LIEGT AUF DEM PLATZ" (5.6.)

Kurz vor Anpfiff spontaner Wechsel im Team: Wir freuen uns über die Zusage von Dr. Otmar Dyck vom Institut für Sportmanagement an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaft. Herr Dr. Dyck ist ein ausgesprochener Kenner der Fanszenen und hat im Bereich Fußball und Gesellschaft gearbeitet. www.ostfalia.de/cms/de/ispm/team-/dr.-otmar-dyck/ Prof. Dr. Sven Körner von der Sporthochschule Köln musste hingegen seine Teilnahme kurzfristig absagen.